Wütende WhatsApp-Texte, passiv-aggressive Emojis oder gekränkte Egos  – So sehr man auch ein reflektierter und rational-abwägender Mensch sein will, das Leben ist ein Raum voller Gefühle. Egal ob online oder offline, sie können mit uns auf Wolken fliegen, haben aber auch Skills zum Kehleabschnüren oder Blockieren. Soziale Medien wirken da gern mal als Emotions-Subwoofer und haben mich schon einige (emotional) dumme Dinge machen lassen. Unnötige WhatsApp-Streits gehören dazu. Ehe man es bemerkt, hat man sich ganz schön ungesunde Mediennutzung angewöhnt.

Während ich auf dem Gymnasium noch mit meiner Lehrerin darüber Streiten musste, ob Internetfreunde genau so viel zählen, wie Schulfreunde, ist jetzt klar: Digitale Kommunikation ist Teil von vielen unserer engsten Beziehungen. Das brauchen wir nicht verteufeln, wir müssen nur mal einen Step zurück treten und uns angucken, was das mit uns macht und vielleicht an unserem Umgang verändert. Ein bisschen mehr emotionale Intelligenz kann meines Erachtens online nicht schaden.

Derzeit wird emotionale Intelligenz oft im Kontext Unternehmensführung oder Mitarbeiterqualifikation besprochen. Sie soll performanceverbessernd, burn-out-abwendend und engagementsteigernd wirken. Doch für mich ist sie ist mehr als nur Hilfe im Job oder ein weiterer Skill in meinem Selbstoptimierungsprozess. Mir hat sich das Auseinandersetzen mit dem Konzept emotionaler Intelligenz vor allem dabei geholfen mich mit meinen inneren Naturkatastrophen auseinanderzusetzen und zu erkennen, wie meine Internetnutzung Einfluss auf mein Gefühlsleben nimmt.

Was ist emotionale Intelligenz

Die Intelligenz bezogen auf Gefühlsmanagement ist ein Konzept nach Daniel Goleman. Im Gegensatz zur Empathie geht es bei der emotionalen Intelligenz nicht nur darum, zu verstehen, was bei den Menschen um einen herum so im Kopf lost ist. Es geht darum seine eigenen Gefühle passend auszudrücken und (!) auch darum aktive Einfluss auf Situationen zu nehmen. Online ist das gar nicht so leicht, denn man sieht den anderen nicht und wenn man lediglich chattet, kann man sich die Stimmlage genau so vorstellen, wie man gerade will.

Angepisste Sprachnachrichten, die man sofort als Reaktion schickt, sind so ziemlich das Gegenteil von emotionaler Intelligenz

Um Einfluss auf meine Gefühlswelt zu nehmen, muss ich mich nicht nur selbst gut kennen, ich muss mir auch selber genug sein und nicht versuchen, impulsiv auf äußere Ansprüche zu reagieren. Wer emotionale Intelligenz übt. verbessert also auch gleich noch seine Selbstwahrnehmung. Gerade die kann schnell flöten gehen, wenn man seinen Körper wenig benutzt und dann auch noch viel Zeit in digitalen Räumen verbringt und anschaut, was andere machen und wollen.

Wir sind keine Emotionsopfer

… aber auch keine Roboter. Auch wenn unseren Gefühlen überwältigende Superkräfte nachgesagt werden, am Ende sind es chemische, wiederkehrende Prozesse in unserem Körper, die es zu verstehen lohnt:

  • Auch wenn „Amygdala“ wie der Name einer Prinzessin aus Herr der Ringe klingt, sie beschreibt den Teil in unseren Gehirn, der für ein Spektrum an Gefühlen zuständig ist. Die Gute wird gern mal überfallen. Der sogenannte Amygdala Hijack passiert, wenn jemand unser rotes Tuch in die Luft hält. Sofort entzündet sich die Gefühlsrakete und man wird patzig, weint oder reagiert anders über. Undankbarkeit und Aggression sind meine roten Tücher, bei denen es mir wirklich schwer fällt die Kontrolle über die Situation zu behalten.
  • Fühlt es sich nun so an, als würde eure Amygdala gleich versuchen zu platzen, ist der erste gute Schritt schonmal es mitzubekommen. „Achtung, es geht wieder los!“ und schon ist man sich der Situation bewusster und kann versuchen zu reagieren. Am besten wirklich kurz die Diskussion unterbrechen, die Geschwindigkeit rausnehmen und wenn auch nur 3 Minuten überlegen wie man reagiert. Scheißt auf die blauen Häkchen und dem permanenten Druck der Erreichbarkeit, passt jetzt erstmal auf Prinzessin Amygdala auf! Sofort zurück zu schreiben wäre zwar eine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, doch es geht hier um Impulskontrolle.
  • Eure Reaktion auf den Amygdala Hijack könnt ihr Stück für Stück trainieren. Genau so ist das auch bei Rettungssanitätern oder Polizisten, die in brenzligen Situationen nicht in Angst etc. geraten sondern immer noch auf den rationalen Teil im Kopf zurückgreifen können. Sucht eure roten Tücher heraus und seid euch bewusst, wenn sie geschwungen werden.

Ich bin mir sicher ein großer Teil, der Hatespeech ist vor allem deswegen entstanden, weil kaum jemand noch überlegt, bevor er oder sie wild auf dem Smartphone rumtippt. Dabei kommt man im Leben nicht um Situationen herum, die in irgendeiner Form emotional aufgeladen sind. Das ist auch völlig in Ordnung, wenn man seine Gefühle auch nur ein Stück weit managed. Der Sinn ist nicht, dass wir alle unsere Emotionen unterdrücken und so tun als sei „alles gut“ (eine Wortgruppe, die ich nicht mehr hören kann), denn daraus entstehen so verstörende Sachen wie die immer weiter verbreitete Telefonphobie, bei der Menschen nur noch asynchron Nachrichten schreiben wollen und es schon zu emotional aufwendig ist ein zeitgleiches Gespräch zu führen. Andere wiederum versuchen jeden Konflikt „wegzuemojien“ in dem sie bei jeder noch so kleinen Unbequemlichkeit ein kleines niedliches Bildchen ranhängen.

Der erste Schritt beginnt bei jedem selbst (logisch, ist ja auch euer Gehirn). So romantisch und mystisch Gefühle auch sein können, sie sind keine unberechenbaren Monster, die uns plötzlich überfallen. Wir können lernen, sie zu erkennen, anzunehmen und konstruktiv zu reagieren.
Das zu wissen und zu üben, kann helfen und befreiend wirken. Auch über den Smartphonerand hinaus.