Wenn ich mein Klapphandy in der Bahn raushole, um eine SMS zu schreiben, gucken einige ganz verstört oder müssen schmunzeln. Seit zwei Jahren bin ich unterwegs offline & das irritiert immer noch regelmäßig Menschen in meiner Umgebung. Doch sie werden sich schon daran gewöhnen, so wie ich mich damals an mein traurig machendes Smartphoneverhalten gewöhnt hatte.

Scrollen, chatten, posten, liken – und gleich nochmal alles von vorn! Ich dachte ich wäre Multitasking-Talent, liebte es im Social Media Bereich zu arbeiten und konnte nicht verstehen, wie Leute es aushalten konnten nicht dabei zu sein. Irgendwann schlichen sich ungute Verhaltensmuster ein. Einige Jahre und zwei Handydiebstähle später verstand ich, wie unglücklich mein Smartphone mich machte. Oder viel mehr: ich mich mittels Smartphone.

Wenn ich in der Bahn sitze und mir die Sonne an der Nase kitzelt, schaue ich gern raus. Drehe ich danach meinen Blick zurück und gucke mir die Menschen um mich herum an. Wahnsinn, wie viele von ihnen mit nach vorn fallendem Kopf auf ihr Smartphone starren. “Been there, done that” denke ich dann und muss manchmal fast lachen, weil das Bild einfach zu komisch aussieht. Aus einigen Gesichtern kann man fast komplette Chat-Konversationen lesen. Verliebtes Grinsen oder streitende Stirnfalten – sie alle sitzen in der Bahn nebeneinander. Natürlich bedeutet das nicht, dass all diese Menschen unglücklich sind. Vielleicht haben sie sich unter Kontrolle, machen nur so viel mit ihren zwei Daumen, wie es ihnen gut tut. Ich konnte das damals aber nicht.

In Bahn-Momenten oder wenn jemand mitten im Gespräch mit mir sein Handy rausholt, fällt mir wieder ein wie traurig ich oft war in der Zeit, als mein Medienkonsum genauso aussah und die eben noch lustige Szenerie wird erdrückend. Sie wird eher zu einer Dystopie à la “The Circle”. Haben denn alle Medien-ADS? Sind wir Zombies unserer Smartphones geworden? Auf jeden Fall haben sie sowohl das öffentliche als auch private Leben ziemlich beeinflusst, obwohl es sie erst seit 10 Jahren gibt. Meins eingeschlossen.

Drei Dinge, auf die mein Smartphone einen schlechten Einfluss hatte

1. Meine zwischenmenschlichen Kontakte

Lange habe ich die Meinung verfochten, dass ich durch Internethandys meine Beziehungen besser pflegen kann. Freunde aus der Ferne schicken Bilder & Sprachnachrichten, man sieht Babies aufwachsen und kann sich immer mal spontan melden, weil es ja so schön leicht ist. Die andere Seite kann antworten, wann sie will. Besonders die Male, in denen ich eine Fernbeziehungen führte, wärmte ich mich gern an der digitalen Nähe. Das ging allerdings nur solange gut, wie die Leute, mit denen ich chattete, mailte und textete die gleiche Kommunikationslust hatten. Und als noch nicht jeder ein Smartphone hatte.

Vertrauen ist gut, zwei blaue Haken sind besser ✔️✔️

Egal, ob Freunde oder Lover – Wenn einer von beiden mehr Kommunikation als der andere braucht, artet das schnell in Streit aus.

smartphone dopamin

Ich habe schon Menschen erlebt, die innerhalb von 5 Stunden, in denen die andere Person nicht geantwortet hat vom Liebeshimmel in die Kontrollhölle gestürzt sind und die “Beziehung” direkt beenden wollten. Oft schaut der andere eben nur kurz aufs Handy, will in Ruhe antworten oder ist schier überfordert zwischen all den Notifications und sich auch keiner Schuld bewusst. Ich bin da auch kein unbeschriebenes Blatt und habe in einem Terror-Anfall dann noch 30 unbeantwortete Anrufe hinterher geschickt. Die Unterschiede im Kommunikationsverhalten gab es auch schon vor dem Smartphone, sie wurden noch mal ordentlich verschärft. Uns wurde dieses leuchtende Gerät in die Hand gegeben, aber wie wir es benutzen, ist uns selbst überlassen. Dadurch passiert es schnell mal, das wir den Regeln der Technik folgen und uns ihnen beugen, statt in Ruhe auszumachen, welche Umgangsform uns gut tut und auf diese bestehen.

Das wäre aber mal wichtig, denn let’s face it! digitale Kommunikation ist fester Bestandteil unserer zwischenmenschlichen Beziehungen geworden. Manche Ereignisse hat man eventuell nur im Messenger besprochen oder Streits hier in Ruhe mit einer Aussprache beendet oder sich sogar verknallt. Das muss nicht gleich wieder als Vorbote des Untergangs von Gefühlen oder Robotisierung der Menschheit gewertet werden.

Meine Konsequenz war dann das Klapphandy. Als diejenige, die dazu tendiert überzukommunizieren, andere zu kontrollieren, aus Langeweile unterwegs Menschen anzuschreiben und bockig zu sein, wenn keine Antwort kommt, brauchte ich einen klaren Cut.

2. Meine Arbeitskraft

Durch das Smartphone begann ich schnell Privates und Arbeit zu vermischen. Das kennt nicht nur jeder, der im Social Media Bereich arbeitet. Während man früher noch heimlich zur Toilette ging, um SMS zu schreiben, ist es für viele völlig normal während der Arbeitszeit Doodle-Umfragen für den Junggesellinenabschied auszufüllen oder die Urlaube seiner Facebook-Freunde zu beneiden. Anfangs mochte ich das. Meine Freunde waren immer bei mir in diesem kleinen Gerät, selbst wenn ich auf Arbeit war. Je besser die Smartphones wurden, desto öfter blinkten die Notifications jedoch auf meinem Handy auf und die Aufregung stieg in mir auf. Als wäre mein Handy jedes Mal eine Wundertüte, in die man unendlich oft reingreifen kann. Selbst, wenn es nicht leuchtete oder vibrierte, war der Drang einfach zu groß.

53 Mal täglich

Laut Wissenschaft nehmen wir alle 18 Minuten unser Smartphone in die Hand. Wie soll ich da produktiv sein? Jedes Mal, wenn es ein bisschen anstrengend auf Arbeit wurde, nahm ich das Ding in die Hand. Andere Frustfressen, ich Frustsurfte.

Meine Snacks hießen Babyfotos, interessante Links oder Exfreunde-Stalking.

Die Lust nach Neuem und der scheinbar unendliche Griff in die Wundertüte lies meinen Dopaminspiegel tanzen und das wurde zu einer kleinen Sucht. Auch wenn Dopamin selbst kein Glückshormon ist, so wirkt es anregend und motivierend. Paul Markowetz vergleicht unsere Smartphones deswegen auch mit Spielautomaten: „Wir betätigen sie immer wieder, um uns einen kleinen Kick zu holen.“ Am besten dann gleich auch nochmal auf dem Klo. Die ständigen Unterbrechungen und das Springen zwischen meinen Aufgaben führte dazu, dass ich mich nie fühlte als hätte ich etwas erledigt und verlangsamte.

Keine Befriedigung setzt ein, sondern Überforderung und dadurch ging ich depri nach Hause:“Wieder nichts geschafft du Versagerin!“ Eine Art Burn-Out, die auch an meinem Lebensglück zerrte.

3. Meinen Körper

Neben all dem Kopfgewirr hat mein Smartphone auch organische Auswirkungen auf mein Leben. Der mittlerweile bekannte Handynacken ist nicht nur deswegen schlimm, weil er buckelig macht oder zu Schmerzen führt. Der Blick aufs Phone, den wir meistens einnehmen, sorgt für den perfekten Winkel für Trauer und schlechte Laune: Das Head down Syndrom. In Harvard fand man nämlich heraus, dass die Körperhaltung das Wohlbefinden sehr wohl beeinflusst. Während das Runterschauen und klein machen negative Hormone sprudeln lässt, macht ein Blick nach oben in Kombination mit einer Siegerpose gute Laune. Natürlich renne ich jetzt nicht wie eine verrückte mit hoch gestreckten Armen durch die Straßen, aber der Blick aus dem Fenster bei der Bahnfahrt über all die gesenkten Köpfe hinweg fühlt sich entspannter an. Auch die Wirbelsäule leidet unter dem „Text neck“: Je weiter wir unseren Kopf zur Handynutzung neigen, desto schwerer wird der Druck auf die Wirbelsäule und kann so zu einer frühzeitigen Degeneration führen. Ach daher kamen meine Nackenschmerzen und die Migränen vielleicht!

Am Ende war es der Kontrollverlust über meine eigene Zeit, meine Gedanken und somit auch Freiheit, die mich dazu brachte, das Klapphandy zu etablieren. Durch dieses schlaue technische Wundertüte war ich (und bin ich auch heute noch ab und an) überall nur nicht bei mir. Ich war dank Fotos in der Vergangenheit, in Urlauben und Leben anderer, die ich mir nicht leisten konnte oder malte mir Zukunftsängste aus. Wenn die Gedanken immer woanders sind und im Zickzack springen, bleibt das Glück gern fern.

Für mich gab es nur den kalten Entzug.

Ich habe zwar wieder ein Smartphone, doch es geht nur im WLAN. Obwohl man das jetzt auch fast überall bekommen könnte, hat sich bei mir vieles verändert. Doch dazu an anderer Stelle mehr.