Sind digitale Nomaden unglückliche Egoisten?

 

Ich kaue auf dieser Frage schon seit einigen Jahren herum. Zuerst wollte ich gern selbst eine digitale Nomadin sein, dann begann mich diese Lebenseinstellung zu nerven und jetzt werde ich bald “zwangsweise” zu einer. Ist dieser Lebensentwurf wirklich die neue Freiheit und Erlösung aus einem spießigen Kapitalismus oder doch eher die egozentrischste Selbstlüge seit es VW Bullys gibt?

 

Mindestens einmal in der Woche fragt mich mein Social Media Stream ob ich nicht meinen Bürojob hinschmeißen und anstelle dessen für immer durch die Weltreisen will. Mittlerweile gibt es genügend e-Books die ich lesen, und Co-Living Arrangements, in denen ich wohnen kann. Trotzdem bin ich noch unschlüssig wie gut oder schlecht ich das alles finden soll. Die romantische Idee des Vagabundierens gefällt mir von Natur aus natürlich sehr gut. Es schwingt für mich jedoch sofort wieder die Frage mit, ob das nicht alles hyperpreviligierter Escapismus ist anstelle von einer Revolution der Arbeit & einem Ablehnen von work hard, play hard.

 

Mit dem Sabbatical zur neuen Kolonialherrschaft?

Was mich zuerst am nomadischen Lebensgefühls gefesselt hat, war die Weltoffenheit und Befreiung aus einem veralteten Arbeitsmodell, in dem die Anwesenheit wichtiger scheint als die wirkliche Leistung. Man ist in der Welt zu Hause und probiert eine neue Form von Arbeit aus. Man lernt viele Kulturen kennen und verliert das Verständnis für Leute, die nicht wissen, wie die Währung Mongoliens heißt oder dass XX in XX . Mir ging es ähnlich nach nur einem ERASMUS-Semester in Irland. Zu Hause war aufeinmal alles so klein & unverändert. Ich wünschte mir die Welt wäre eine ERASMUS-Facebook-Gruppe, in der alle immer miteinander connecten wollen und sich gegenseitig helfen. Doch je mehr ich mir ansah, was die Nomaden alles so in den Ländern trieben, begannen meine Zweifel. Wie viel Nachteile bringt so ein Leben eigentlich (politisch, steuerlich, gesellschaftlich) den Ländern, in denen man sich rumtreibt?

 

Ich lebe in Berlin, der Hauptstadt des Post-Tourismus. Ich hatte selbst eine zauberhafte Mitbewohnerin, deren Lifestyle noch bis vor kurzem so aussah, dass sie den Winter über in einem teuren Skigebiet gearbeitet hat und mit diesem Geld dann im Sommer ganz gut über die Berliner Runden gekommen ist. Auch wenn das eher Arbeits-Party-Nomadentum ist, lockte es mich auf die Fährte weiter kritisch herumzuanalysieren. Was sind denn das für Jobs, die die Nomaden ausüben?

 

Selbstbestimmt und happy?

Grundlegend geht es ja darum ortsunabhängig zu arbeiten. Da Einladungen von Reiseveranstalter und WLAN nun einmal die perfekte Grundlage dafür bilden, sind Reiseblogger und auch Blogger anderer Art natürlich prädestinierte Urban Nomads.

ANDERE? 2 Beispiele

Letzten Winter kam es mit z.B. so vor, als würden Thailand und Bali zur Hälfte nur aus Nomaden bestehen (Filterbubble ick hör dir platzen). Haben die Thais was davon, weil der Tourismus boomt & mehr konsumiert wird? Oder haben vielmehr andere Nomaden etwas davon, weil sie dort hinziehen, günstig vegane Restaurants eröffnen und an der Entwicklung gewinnen? Wenn in Berlin Amerikaner zu günstigen mieten wohnen und ihre Freelancejobs vom Mutterland bezahlt werden, hat dann Berlin etwas davon, wenn sie ihr “amerikanisches” Geld hier ausgeben? Oder weichen das steigende Mieten und Verdrängung wieder auf? Ich weiß es nicht und konnte bisher noch keine Ökonomen finden, die mir das ausrechnen hätten können.

 

Die Krux der Freiheit durch die Kommerzialisierung des Selbst

Die eigentliche Idee also vielleicht etwas weniger kapitalistisch zu Leben, die ich eigentlich zunächst mit einem digitalen Weltjob verbunden habe, löst sich dann schon fast wieder auf. Warum? (Achtung Selbstreflektion!) Weil gerade persönliche Blogs oft mit der Vermarktung der eigenen Person bis ins letzte Detail zu tun haben. Das muss grundlegend nicht schlimm sein, endet bei vielen coolen und nervtötenden Leuten damit, dass sich ein Druck aufbaut ständig zu posten und jeden Chia-Smoothie oder sonstiges Lebensmittel, das zu sich genommen wird öffentlich zu machen. Ob das der Konkurrenzkampf in der Aufmerksamkeitshölle ist oder der mit der Zeit wachsende Narzissmus sei an einer anderen Stelle diskutiert, wahr bleibt jedoch: Man verbringt die meiste Zeit des Tages damit, über sich, seinen Blog bzw sein Business nachzudenken. Abgesehen, dass bei mir dann immer eher schlechte Gedanken aufkommen, wenn ich mich zu lange mit mir beschäftige, ist auch die Frage wie viel mehr Freiheit das bedeutet als ein 9-5-Job.

 

“Wenn du kein Produkt verkaufst, bist du selber das Produkt. Und deine Reisen. Und dein Essen.”

 

Und was ist mit Mutti?

Wer reist, trifft schnell auf viele neue Leute und besonders wenn man allein unterwegs ist, muss man sich schnell angewöhnen auf Menschen zuzugehen, um nicht allein zu sein. Hier wird man in der Community super schnell aufgenommen. Natürlich bleibt nicht jede Freundschaft oberflächlich, doch Einsamkeit scheint trotzdem ein zentrales Thema in der Nomaden-Biografie zu sein. Aber gut, es gibt auch Menschen, die finden dabei ihren Partner und machen dann gemeinsam 8.500 Dollar pro Foto.

Das Öko-Paradoxon

co2 Foodprint

 

Sesshaft werden wird sofort mit Spießertum assoziiert

 

Verpflichtungen

 

Nur ein neuer Name für

und auch Kinder haben ist jetzt kein Grund mehr nicht zu reisen, denn schon der Säugling kann umgeschnallt nach Thailand  

Statussymbole bewegen sich von “Mein Haus, mein Auto, mein Boot” zu “meine Geschäftsidee, meine Weltreise, meine Marathonplatzierung”.  

Expedition Happiness